Wesen und Unwesen

Immer, wenn ich mich aufs Wesentliche konzentrieren will, kommt was dazwischen: Das Unwesentliche.
Weg zur Problemlösung:
Eine Liste der wesentlichen und eine der unwesentlichen Aufgaben erstellen. Mit den Notizen über wahrscheinlichen Zeitaufwand und optimale Tageszeit.
Wesentlich, das  ist, o, die Literatur. Die erlesene und die geschriebene, und das Recherchieren gehört auch dazu. Und das Säen und Ernten und das Getier. – Haus & Hof und stumpfsinniges Jäten: unwesentlich. Aber wehe, es geschieht nicht! Dann Strafe durch Schlamp-überall.
Irgendwie ist mir alles noch nicht ganz klar: Im Gemüse Nachdenken über Zuschreibendes, ist das nun das Wesentliche im Unwesentlichen, oder hebt das Denken jedes Gemüse automatisch aufs Niveau des Wesentlichen? Was ist das Ergebnis eines Tages, der (beinahe) nur mit Denken, Recherchieren, Notizen-Hinkritzeln vergangen ist? Welchen Status erhält ein Winterpullover, der, eingeweicht und vergessen, in altem Seifenwasser zu modern beginnt? Ist Moder in diesem Härtefall wesentlich?

Boah, das Soziale hab ich ganz vergessen. Manchmal bricht es unerwartet herein, erfreut und verklärt einen einzigartig-wesentlichen Tag.
Manchmal erschöpft sich das Soziale in flüchtigem Gruß.
„Unwesentlich“, sag ich.
„Überaus wesentlich“, sagt mir eine innere Stimme, verwandt mit jeder inneren Stimme in jedem Wesen.

Kein Grund, sich zu schämen,

wenn man professionelle Hilfe in Anspruch nimmt.
Und: Ja, ich tu es! Und finde, es ist total in Ordnung.
Es geht nicht mehr.
Jeder Tag verpasst mir das Gefühl, dass alle Bemühung sinnlos ist. An jedem Abend falle ich in ein schwarzes Loch ohne Aussicht auf Befreiung. Ja, sogar die Suche nach einem noch so dornenbewachsenen Ausweg scheint lächerlich. Und vergebens.
Es ist zu viel.
Die Augen verschließen vor der Kulisse des Versagens? Wie denn? Auf irgend eine fiese Art macht sie sich ja doch bemerkbar. Und sieht noch viel bedrohlicher aus als vorher.
Ja, ES verfolgt mich bis in den Schlaf, der, aufgescheucht, von der Bettkante flieht und vor der Zimmertür wartet, bis sich die Lage beruhigt hat.
Das Leben ändern? Alles umkrempeln?
Das verlangt Energie, doch die wird verbraucht beim Versuch, nicht immer wieder in dieses (o.g.) schwarze Loch zu fallen, und überhaupt ist die Situation so verfahren, dass ich die einzige, letzte Möglichkeit gewählt habe, das Unheil abzuwenden – und siehe, vom Nachbardorf wurde mir Erlösung versprochen:
Am 4. Juli kommen zwei starke Männer mit ihren Werkzeugen und kämpfen sich durch den Dschungel in meinem Garten, erledigen Baum- und Strauchschnitt und alles wird gut!

Immer, wenn die Zeit

der Tag- und Nachgleiche sich nähert, überkommt mich die Angst vorm nächsten Winter. Angst vor Kälte, vor einem möglichen Nein des Holzhändlers meines Vertrauens. Angst vor Defekten an Herd, Ofenrohren und Kessel, vor Schwäche-Anfällen, die es mir unmöglich machen, genug Holz ins Haus zu schaffen. Angst vor wochenlangen Temperaturen um minus 15 Grad und schlimmer.
Kälte macht bitter und ungerecht, und eine ungesunde Gesichtsfarbe. Neid schleicht heran, Neid auf alle, die zwischen November und März sorglos im T-Shirt Cocktails schlürfen.
(Ich schreibe mit Absicht Angst und nicht Furcht, weil der Begriff Angst mit Irrationalem verbunden wird. )

Dann aber – bis jetzt in jedem Jahr! – kommt der September:
Die abstrakte Angst ist einem konkreten Holzvorrat vor der Hütte gewichen, der Herd geputzt, meine Kondition schwingt im Geiste schon die Axt, und die Vorfreude auf Musik & Literatur am stillen Herd zur Winterszeit leuchtet auf wie dunkelroter Tee. Und wenn es wirklich biestig kalt ist, tu ich halt noch zwei, drei Buchenscheite in den Herd, vergrabe mich unter Bettecke und Tuchent und verpasse dem Wort Sommergast einen neuen Sinn: Sommer, sei Gast bei mir! Nur für eine Stunde!

Wärme macht einen besseren Menschen aus mir und lässt mich wünschen, alle, alle Wesen der Welt mögen sich ebenso wohlig umfangen fühlen, und nie mehr unter eiskalten Füßen und kühlen Gefühlen leiden.

Jeden Tag

nehme ich mir Zeit, die ich überraschenderweise immer finde, ohne sie gesucht zu haben, und sehe meinen Enten beim Entendasein zu. Es besteht nur aus Futtersuche, Trinken, Baden, Gefiederpflege und Hormonen?
Was sich immateriell zeigt, ist Persönlichkeit:

Die S c h w a r z e: alt und klug. Meine „Hochschulabsolventin“ in Warzenentenangelegenheiten.

E d e l: unauffällig, sehr hübsch. Gutmütig nur bis zum Rand vom Fressnapf.

E v c h e n: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!“

M a d  a m e: „Hat wer was von Fressen gesagt? Ich bin dabei, ganz vorn!“

E c k h a r t: Nicht mehr soo fit, fühlt sich aber verantwortlich. Für alle.

B i a n c o:  Kraftlackel. Verspielt. Weiberheld, nicht nur hormonbedingt. Auch mit Charme!

und J u d y, schwimmt schon lange auf dem ewigen Teich. War meine Ente, die sprechen konnte. Nonverbal. Und Jette und Mädi und Joplin…

Was ist es, das diese Aufmerksamkeit für Tier hervorruft?
Warum gelingt mir das nicht, nicht immer mit Mensch?
Weil zu viele „Vibrations“ im Spiel sind, das auch ernst ist?
Weil Gespräche rasches Reagieren fordern – man kann nicht in einem Augenblick den Erfahrungshintergrund der Person-gegenüber durchleuchten, berücksichtigen und die einzig richtige Antwort finden?

Es war in einem Roman mit Schauplatz Reservaten der Navajo, wo der Besuch erst mal minutenlang und länger stumm vor dem Gastgeber verweilte. Zeit zum Denken, Zeit für Respekt. Dann erst kam die Sprache zur Sprache, und ich finde, das ist gut so.

Vielleicht aber haben meine Entenbetrachtungen ganz einfach mit Verantwortung zu tun. So wie Eltern ihre Kinder, Erzieherpersonal ihre Anvertrauten sehen wollen/müssten.
Die Starken beschützen die Schwachen. So einfach ist es.

Bericht

Wir kommen aus schlimmen Sümpfen, von erhabenen Bergen in komischen Ländern, aus den Hütten des Schmerzes und der Gnade, wir fahren einher aus dem Süden, Imagination der Unbeschwertheit und schauen mit vorsichtiger Scheu auf das Eis des Nordens.
Von den Sternen kommen wir, könnte man sagen, bedenkend, dass ihr Licht auf unsere Wege fällt. Dass auch das Meer unsere Wiege war, ist gewiss – so viel Wasser hat der Mensch eingelagert in seinen Zellen und Sehnsüchten. Von früheren Schicksalsstürmen kommen wir und von der so flüchtigen Sommerseite: Kaum genossen, schon verflossen. Und, wir sind uns nur manchmal der vergangenen Untaten bewusst und erinnern uns gern an die Reinheit von Handlung und Gewissen.
Aus tiefer Finsternis landen wir im Licht, atmen zum ersten mal…- könnten wir die begrenzte Zahl der Sekunden von da an schätzen und nützen!
So oder so oder ganz anders: Wir kommen aus Mutterbäuchen. Gesegnet seien sie, rund und gesund!