Notfallnot

Augen und Hirn, alles tut mir weh beim Lesen, wenn sich die Warnungen überschlagen vor Unwetternotfall, medizinischem Notfall, NotNotfall und bisher ganz unbekannten Notfällen.
Ich möchte das nicht.
Die Herausforderung, mit Notfällen fertigzuwerden, wirkt belebend und macht widerstandsfähig.
Nur die Sorge um die Wasserversorgung bereitet mir manchmal Sorgen.
Ohne Wasser kein Leben.
(Ohne Leben keine Sorgen, aber das ist ein anderes Thema.)
Zum Glück fließt hier in der Nähe ein Bach vorbei.
Im Notfall würde ich mit einem Kübel ans Ufer treten und nur so viel Wasser entnehmen, dass es den Durst stillt. Meinen Durst.
Vielleicht auch noch den der vielen Gemüsepflänzchen. Und den Durst von Blumen, Obst und Obstbäumen. Die Vogeltränke, auch die ist wichtig. Und eine große Tasse mit Wasser, für die Insekten. Wespen sind Meister darin, sich auf der Wasseroberfläche treiben zu lassen, und, wenn ich sie vorm Ertrinken retten möchte, davonzuschwirren.
Um Wasser nicht zu verschwenden, denke ich seit Wochen über ein wirksames, nachhaltiges Bewässerungssystem nach. Ungefähr wie bei den Navajos. Hatten die nicht Terrassen, wo Regenwasser langsam abwärts rieselte?
Oder: ein geschlossenes System aus Rohren mit Löchern bauen, aus denen die Erde berieselt wird. Nur, irgendwer muss nachfüllen. Irgend eine Energie muss das Rieseln am Laufen halten. Ein Perpetuum mobile mit Solarantrieb?
Oder: Leben am Bach. Algen vom Grill. Vorm Schlafengehen einen Drink zur Musik der Wellen.
Noch besser: Echte Indianer einladen, mit allen Reqisiten für wirksames Regenritual. Mit Teaching.
Magie-to-go.
Weil, ich will das auch können dürfen.

Nein, ich bin kein Notfall.
Ich brauche keinen Arzt.

Freundschaft

braucht Vertrauen, Treue und alles, was die gemeinsam erlebte Zeit kostbar macht.
Aber, Freundschaft ohne zumindest eine Spur von Erotik löst sich auf/fängt gar nicht erst an.
Geheimnis anvertrauen – näherrücken.
Tut das gut.
Diese zwei Menschen können einander auch riechen.
Graue Haare, Muttermal, krumme Nase: Das Unkaut im Garten der angenehmen Empfindungen.
Gerührt sein von Berührungen. Immer wieder.

Ohne eine Spur von Erotik kannstu –
nein, nicht gleich die ganze Freundschaft in die Tonne treten.
Vielleicht nur herabstufen auf Bekannt mit ein paar gemeinsamen Interessen. Man sieht sich…mal wieder…

Song Contest 1964

Gigliola Cinquetti, 16 J., das Haar zu einem Rosschwanz gebunden, tritt in schlichtem Kleid auf die Bühne und singt:

Ich bin zu jung.
Ich bin zu jung, dich zu lieben.
Ich bin zu jung, um allein mit dir auszugehen.

Und ich hätte nichts,
hätte nichts, was ich dir sagen könnte,
weil du schon alles über mich weißt.

Wenn du möchtest,
wenn du auf mich warten möchtest,
wirst du an jenem Tag all meine Liebe bekommen.

Lass zu, dass ich eine romantische Liebe erlebe…

(v. N. Salerno, M. Panzeri, G. Colonnello)

ernst 1

Wochenlang kein Eintrag.
Weil kein Thema dem Ernst in der sog. realen Welt gerecht werden könnte.
Trotzdem: Immer wieder Zerstreuung. Kaffee. Musik. Lesen. Schreiben. Rechnen mit glücklichen Umständen.
ES / wasauchimmer wird weitergehen.
Krisen gab es schon immer.
Seuchen.
Diktatur.
Meine maximale Krise: Der Nato-Nachrüstungsbeschluss.
Überhaupt, der Kalte Krieg und die Kubakrise, die ich nur als finstere Stimmung zwischen Erwachsenen wahrnahm. Nicht greifbar, nicht erklärt. Umso unheimlicher.
Die Kriege davor.
Stammesfehden.
Ritterburgen eingnommen, kaputtgeschossen.
Pest.
Hunger. Durst Tod.

Was hilft?
RatSchlag aus dem www: Bleibt in eurer Mitte.
Ja, eh.
Vernetzt euch. Auch analog!
Sowieso. Im Umkreis von ~ zehn kmkenne ich 15- 20 Menschen, die auf mich zählen können, wenn ‘s drauf ankommt. Und umgekehrt.
Aber: Wirkt das nicht wie ein arger Rückfall ins Biedermeier? Rückzug ins Häusliche. Rücklings niedersinken ins Bodenlose von Hängematte und Vorratskammer?
Nein. Weil, jetzt  scheint alles anders.
(mensch auch.)

Vor ein paar Wochen hat mir die überübernächste Nachbarin einen Teller von ihrem Abendessen gebracht. Nur so. Ich hab danke gesagt, gut gespeist, Teller mit Cookies drauf zurückgebracht. Und kurz darauf schon wieder. Und ich –Abwehr. Weil, Vegetarierin. – Mein heiliger öder Speiseplan total überfremdet. – Fremden Teller abwaschen, was Leckeres drauf, zurückbringen. – Und, was sag ich, wenn das so weitergeht? mich bedrängt?
Was sag ich zu mir, in diesem Sumpf aus unverdientem Sättigungsgefühl und garstiger Laune?
Du hast versagt,
du undankbares Wesen.
Und: Was für einen Fußtritt muss dir das Schicksal verpassen, bis du fähig bist, einen Teller voll Abendessen annehmen zu können?!

 

 

 

 

Doch mal ins Konzert?

Kammermusik in meiner Kammer wird perfekt, wenn der Plattenspieler wieder funktioniert. Bis dahin: Ö1-Nachhören. Oder youtube Anklicken, mit dem Klangdefizit, das durch Kompressor und unzulängliche Lautsprecher entsteht. Und immer nebenbei „was tun“. Socken flicken. Pause. Nachheizen. Komponisten googlen. Tee.
Wie wäre es, nach langer Zeit wieder ein Konzert zu besuchen? Ohne Ablenkung durch Oper, Bühne, Drama?
Richtet sich die Aufmerksamkeit vom Werk, das aufgeführt, vor- und vorbeigeführt wird, auch auf das musikalische Handwerk? – Bleiben Worte wie Kontrapunkt, Melodieführung. TonartWechsel… abstrakt? Bewirken sie den Anfang eines langsam beginnenden Verstehens? – Ist Versenkung gut oder böse? – Erleidet das Musikerlebnis Verluste, wenn es mir  Erinnerungen beschert? – Wann und unter welchen Umständen entsteht auch aus dem aktuellen Erlebnis eine Erinnerung, die wieder durch zukünfitge Musik oder auch ganz andere Signale wachgerufen wird?
Darf ich ganz Ohr sein?
Sollte ich mir nicht Gedanken machen, ob daheim alles in Ordnung…?
Verändern die Menschen im Saal mich und meine Musik?
Wenn dem einen während einer bestimmten Passage ein Kurkonzert im Sommer zuvor einfällt, dem anderen eine Musikstunde im Gymnasium, undund – ist trotzdem ein kollektives, freudiges Musikerlebnis möglich, das sich in einer unsichtbaren Genusswolke im Raum erfühlen lässt?
Und was hat es mit dem missbrauchten Begriff Andacht auf sich?
Am Ende: Darf ich den Nachhall unterwegs zur U-Bahn verlieren?

Was wäre, gäbe es irgendwann keine Musik mehr, weder durch Instrumente, noch auf Tonträgern? Kann Musik im Kopf als annähernd gleichwertiger Ersatz dienen? Und wenn dieses lautlose Rauschen ins Freie will und sich aus Entbehrung so wild gebärdet, dass ein neuer Stil entsteht…?