Hören. Lesen. Schreiben 18. Immer? In echt? – Ja.

Immer, wenn ein Exposé übers erste Drittel hinauswachsen möchte, wenn ein Roter Faden zu erkennen ist, auch wenn er nur aus losen, schmutzig-rötlichen Fransen besteht,
wenn sich das genial erbaute Provisorium schon mal in seine Endversion extrapolieren lässt,
und wenn sich auch noch eine durch und durch dumme Dialogverliebtheit einstellt (und bleibt),
ist es höchste Zeit, dieses Machwerk („Werk“!) in tausend Schnipsel zu zerreißen und dem Wind, dem Feuer, Bach oder Fluss anzuvertrauen und von vorn zu beginnen.

Immer, wenn der Neubeginn durch Millionen von Ausweichhandlungen verzögert wird, wenn Geschirrspülen, KontoauszuügeOrdnen, noch eine halbe Tasse Tee Trinken, Wundsalbe-auf-Kratzwunde-Auftragen, Jäten und überhaupt da und dort und überall Überflüssiges Rauszupfen, MüllRaustragen, Wetter-Surfen und Snailmailbrief-Vorbereiten mehr Dringlichkeit zugewiesen bekommen, ist es das eindeutige Zeichen, dass im wunderbaren Exposé (s. erster Absatz) von Anfang an irgend etwas, vermutlich alles, nicht gestimmt hat.

Und wenn ich dann zumindest fünf oder sechs der tausend Schnipsel wiederfinden möchte, was unmöglich ist, kann ich mir tröstend antworten: ES, das Exposé mit seinem immanenten Idealzustand, ist – in Gedanken  – in der Welt.

Hören. Lesen. Schreiben 17. Theater, Theater,

und o, Oper: Ich brauche den Konflikt. Die Krisen, das Überlegen, die inneren Kämpfe und die äußeren, alles, was in die Entscheidung fließt:
Bekommt er sie / sie ihn? – Kehrt der Abenteurer zurück? –Wird er getötet? Im Kampf gegen den Widersacher?
Auf diese Weise neue Dramen, neue Charaktere kennenlernen. Mit ihnen leben und – furchtbar-imaginierend – sterben.
Das Bekannte neu, anders erfahren: „Wird Cordelia dieses eine mal die Frage ihres Vaters nicht so ungeschickt, Verderben-bringend beantworten?“ – „Wird sich Don Giovanni heute Abend läutern, und nicht zur Hölle fahren?“
Die Spur führt weit zurück: Wird Persephone aus der Unterwelt zurückkehren? Wird es nach dem Winter wieder Frühling? Folgt auf jede Nacht ein neuer Tag? Werden wir leben, an diesem Tag, vielleicht auch morgen weiterleben, Nacht und Winter und unsere Finsternis nützen, um zu reifen?
Wieder ins Theater…!
Wäre es nur nicht so weit weg, alles so umständlich.
Wäre das Dümpeln im eigenen Sumpf nicht so bequem…
Würde so etwas wie Konfliktlösungspotential einfach vorm Fenster wachsen wie Schnittlauch…
(Über Postdramatik denke ich später mal nach.)

Hören. Lesen. Schreiben 16. Der berüchtigte erste Satz

kann doch wirklich nicht erschrecken. Und geht ganz einfach:

  1. o) Stimmiges Exposé erstellen,
    o) formale Fragen klären,
    o) und los!

Natürlich kann es sein, dass unterwegs, auf Seite ~ 97, die Heldin Anne auf unvorhersehbare Weise arbeitslos wird und sich an die zugeschüttete Leidenschaft für Stoffdesign erinnert. Dann kann man die ersten Absätze ändern, und aus dem berüchtigten ersten Satz wird ein viel wahrhaftigerer zweiter erster Satz. Und weiter, mit Schwung!

Wenn nun Annes Lebensgefährte anfängt, sich seltsam zu benehmen, das gemeinsame Kind im Supermarkt Bier und Käsecrackers klaut und auch in den Hosentaschen des LG nach Brauchbarem sucht und dabei dummerweise einen handschriftlich verfassten Erpresserbrief findet, der sich auf die Vergangenheit das LG bezieht, die sich im Schottischen Hochland, zwischen Schafen, Schäfern, illegalen Whiskeybrennern und korrupter Polizei abgespielt hat, wackelt natürlich auch der zweite Beginn, denn man ja locker durch einen neuen ersetzen kann: Die Rückblende auf das Vorleben des LG, die einen genialen, stimmigen, dritten ersten Satz erfordert:

o) Es war in einer dunklen, stürmischen Nacht…
o) Es begab sich in einer stürmischen, dunkeln Nacht…
o) Dunkel war die Nacht und stürmisch… aber das klingt doch sehr lyrisch und lässt Erlkönig.02 am Horizont erscheinen, führt also auf eine völlig falsche Fährte,
macht nichts, weil, ein vierter erster Satz wird sich wohl finden, irgendwo zwischen Käsepapier vorm PC und Lossiemouth, das idyllisch an Schottlands rauer Küste gelegen ist,…

Hören. Lesen. Schreiben 15. Ein Fünfminutengedicht schreiben,

einfach aus dem Ärmel schütteln, der ungebremsten, spontanen Eingebung nachgeben, ohne Willkür in Form und Vers und Pooääsiie:
Geht doch?

Geht gar nicht.

Nach Tagen der Mühe: Einen GedichtKeim kann man behandeln wie Germteig: Kneten. Rasten lassen. Nochmal kneten. Paar feine Zutaten hinein. Kosten. Unzufrieden nach Optimierung suchen…Pause. Weitermachen.
Fertig. Vielleicht.

Aber ich schreib das Ergebnis nicht in den Blog.
Warum nicht?
Zu privat.
Ich meine, Leute aus meinem Umfeld lesen das womöglich und entdecken private, intime Gedanken darin.

Würde ich diesem Umfeld ein paar Zeilen Prosa rüberreichen? – „Das hier. Ist von mir. Willst mal lesen?“
Ja. Kein Problem.

Warum ist mein Vertrauen in willkommene, kritische Reaktionen bei einem Gedicht ganz unmöglich?

Weil es die unsichtbare Überüberschrift Kunst im Titel trägt?

Aber, wollten fremde Personen meine Gedichte lesen,
wäre es mir ganz recht. Sollen die sich denken was sie wollen, über meine so privaten Zeilen.

Berlin, 1997:  Ich hab ein paar Gedichte geschrieben und wollte sie „im Bauchladen“ verkaufen. Am Wittenbergplatz, an einem Samstagvormittag im Frühherbst.
10 Pfennige /Stück.
„Mehr“, rieten mir Freunde, „wenn du deinen Oevres keinen Wert beimisst, wie sollen es die Passanten tun? Zehn Pfennige! Die kaufen das, damit du Ruh gibst, überfliegen drei Worte und schmeißen es in den nächsten Hauseingang.
Ich blieb dabei: 10 Pfennige.
Zwei Termine hatte ich mir ausgesucht, und passende Kleidung, und das Anmachen, das ZuRufen, das Heraustreten aus mir, und die wunderbaren Gedichte waren in klarer Schrift ausgedruckt und auf bunten Karton geklebt.
Und dann der Regen. Samstag Regen.
Schöne Woche. Vielviel Sonne.
Am 2. Samstag nochmal Regen.
Und dann hab ich diese Idee begraben und für lange Zeit vergessen.

Schauplatzwechsel, Gedichte für Kinder, vorgelesen vor vielen, vielen Jahren:
Wohnhöhle, gute Stimmung, leere Tassen Tee auf dem Tisch, draußen Dämmerung. Ein Kind und ich, dazwischen ein Buch: „Wenn der Wind ums Gatter geht, hört man’s leise knarren…“  *)
Kind versinkt zwischen Worten und Illustration. Ruhe.

Einige Jahre später, Sofalandschaft, gute Stimmung, zwei Tassen Tee auf dem Tisch. Guten Nachmittag mit wilden Spielen verbracht. Ausgeruht. Und dann, ein Kind und ich, dazwischen ein Buch: „Der Schlafwind wiegt die Vogelnester…“  *)
Kind: „Hör auf, hör auf, ich will das nicht!“

Hmm. Selber schuld. Ich hab das völlig falsch inszeniert.
Oder: Es liegt an den Genen. Oder an der Umwelt.
-> Jedes Wesen ist einzigartig. Eh oke. Passt.

*) Christine Busta: „Die Sternenmühle“
 

Hören. Lesen. Schreiben 14. Buchrezensionen

lese ich manchmal ganz gern. Oft verachte ich sie, oder aber ich weiß: Dieses Buch muss ich haben, jetzt gleich.
Wenn ich Buchrezensionen beachte, dann mit Vorsicht. Zwischen den Zeilen lesen, heißt es, und: kein Vorschussvertrauen niemals.

Absolut abturnende Kritiken:

  1. o) „…dem Autor sind seine Protagonisten wohl selbst nicht sympathisch…“
    Heißt es nicht auch: „In jeder Person der Literatur finden sich Charakterzüge des Autors? -> Er mag sich selbst nicht.
  2. o) „Diese Story hat sich tatsächlich ereignet.“
    .) Das glaube ich nicht.
    .) Wenn, dann lese ich lieber eine Dokumentation zum Thema.
  3. o) „..die Große Stimme Amerikas /Frankreichs / Ozeaniens…“
    Lieber vielen kleinen Stimmen lauschen.
  4. o) „…drei Tote auf den ersten zwanzig Seiten…“
    Ist mir zu negativ. Trifft auf alle Krimis zu.

Kritiken, die mich zur Lektüre des rezensierten Buches motivieren:

  1. o) „…in seiner besonderen Art nicht einzuordnen…“

Und auch die Bücher, vor langer Zeit gelesen, beim Aufräumen voll Freude wiederentdeckt.
Dazu ein bissl Wehmut, wenn ich mich an Schulpausen erinnere, die mit Butterbrot und Büchertausch viel zu schnell vergingen.

Und nun zu etwas nicht ganz Anderem:
Ich durfte (ist schon eine Weile her) ein paar Jahre lang für Save-Tibet im Bereich Rezensionen arbeiten: „Wer übernimmt dieses / jenes Buch?“ Immer wieder las und schrieb ich selbst, war beeindruckt von O-Ton-Berichten der indigenen Bevölkerung oder Reisenden – diesen Reisenden, die auf ihrer Expedition auf den Spuren der fast ausgelöschten Bon (Bön) –Kultur wanderten, die von einem Teil der Bevölkerung Tibets verfolgt und niedergekämpft worden war.
Behauptung des 14. Dalai-Lama (auch das liegt eine Weile zurück), auf die Frage, warum das fromme Volk Tibets von China so grausam unterdrückt wird: ~ Weil es sich zu lange zu sehr von der Außenwelt abgeschottet hat. – Nix von Bon-Bön-Bekämpfung.
Auch das kollektive Karma wirkt. Und fragt nicht nach der Meinung eines Oberhaupts.