Lesen. Hören. Schreiben. 58: Malfragen

Ist ein Text noch ungeschrieben, doch gut durchdacht – existiert er trotzdem schon als geistvoller Nebel in der Atmosphäre?
Kompositionen im Kopf, ohne Notenschrift – sind bereits Musik oder nicht?
Die Ideen von Bildern ohne Material, ohne Form und Farbe, Erfinundgen ohne Durchführung und Prototyp, eine neue philosophische Theorie ohne Streitschrift/Lehrstuhl/Anhängerschaft: Schwirrt das alles über unseren Köpfen herum? Der Himmel, ein KollektivGenie?
Geistesblitze, nichts als Fallout, weil das Gedrängel dort oben zu dicht ist, weil Neues sich neuen Raum schaffen will?
Warum schreibe ich hier immer seltener über Tatsachen?
Warum stelle ich so viele Fragen?
Kann es sein, dass alles zusammen eine Art Unsicherheitsdrive bewirkt, der sich auf Planet und Lebewesen auswirkt?
Wann kommt einer, der alle Fragezeichen wegwischt und sagt: Ich weiß, was richtig ist. Bei mir seid ihr sicher. Vertraut mir…
Wer stellt sich dem Typ in den Weg und sagt: Mal langsam. Lasst uns prüfen, ob er die Wahrheit spricht?

Lesen. Hören. Schreiben. 57: ernst 2

Beim Ausmisten fiel mir einer meiner sehr frühen Texte in die Hände: Sonntagsausflug. Zwischen den Zeilen ein Abheben ins was-wäre-Wenn, mit Zwischenlandungen in einer grauen Normalität. – Keine Lehre, kein tieferer Sinn. Klassischer Nonsense-Text?
Soll ich ihn ausgraben, überarbeiten?
In dieser ernsten Zeit? (Nein)
Nur, so einfach ist es nicht mit dem Nicht-Sinn.

An einem berühmten Beispiel vorgeführt:

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
ottto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

(Ernst Jandl; www-Seite: „Gesprochene Deutsche Lyrik)

Fragwürdig: Zuerst Hund vor die Tür jagen, sich nicht weiter kümmern, dann erst Beunruhigung.
Rufen.
Nichts.
Bis Mops an die Tür „klopft“?
Otto lässt das arme Tier ein. Es übergibt sich. Hat draußen wohl was Unbekömmliches gefressen. Und, anstatt Reisbrei mit etwas Salz zu kochen, beklagt Otto sich bei Gott.
Was für ein Mensch / Unmensch ist Otto?
Hält sich Hund statt Frau und versorgt ihn nur unzulänglich und offensichtlich ohne schlechtes Gewissen.
Und: Warum hat der Dichter dem Unsympathler Otto nicht eine Gefährtin „Momo“ zugesellt, die sich voll Empathie um den Mops kümmert?
Vielleicht aber gibt es da eine Frau („Eva“? „Ute“?), die aber auf grund des fehlenden „o“ nicht ins Gedicht gepasst hat –wäre sie tierlieb eingeschritten, um Mops‘ Magenverstimmung zu verhindern?
Hätte sie schon vorher mit einer Portion Durchsetzungskraft die unadäquate Bestrafungsaktion verhindern können?

Versuch einer weiteren Erklärung: Das Drama im privaten Raum, als Reaktion auf eine unübersichtliche, voll Willkür un-gestaltete Welt-dort-draußen?

Ergebnis; Es ist fast unmöglich, ein echtes Nonsense-Gedicht zu verfassen, das kritischem Hinterfragen standhält.

Lesen. Hören. Schreiben. 56: Unnötige und andere Rückblenden

Rückblenden sind retardierene Momente.
Sag ich mal so.
Außer, sie sind fürs Verstehen unentbehrlich oder tragen einen Baustein zum Entstehen von Spannung (zur Aufklärung v. Vergangenem,…) in sich.
Wo ich gnadenlos die Augen verdreh: Beschreibung von Familie, Herkunft, Beruf und besonderen Eigenschaften der Personen, die nichts zum Plot beitragen.

Behauptung: Wo die Vorgeschichte mäßig-wichtig ist, kann sie in Gespräche (Pläne, Reflexion, Erinnerung, Briefe…) eingeflochten werden.

Aktuell:
Muss ich erzählen, dass die Mutter von Person M früher gerne Klavier gespielt hat und grad eben weder Zeit noch Motivation findet? – Nein.
Aber, bei M’s Besuch daheim steht das Klavier herum, immer noch nicht gestimmt. Diese Erwähnung halte ich für bedingt angebracht, weil das Muster der nicht ausgelebten Musikalität hier und dort wieder auftaucht.

Soll dem Lesepublikum die berufliche Vorgeschichte der Person M in einem eigenen Absatz vorgeführt werden? –
Nein. Das Umfeld stellt Fragen und erhält Antworten.

Ist die Rückblende in die Kindheit von M und E angebracht?
– Ja. Die Freundschaft, bisher aus den Gründen a, b und c, war beständig und wird jetzt einer Zerreißprobe unterzogen, die umso verstörender wirkt, je fester das Band früher war.

Fantasie beim Schreiben ist ziemlich wichtig. Der Sprung, den Fantasie unternimmt, um in die Rolle des interessierten oder gelangweilten Lesers zu schlüpfen, ist Gesetz.

Ich als Leserin wage es, mir-unerklärliche Rückblenden zu überspringen. – Wenn aber eine Passage auftaucht, die kostbare Wahrheit birgt oder Stil und Kunst verschmelzen lässt, schaffe ich ‘s, das Juwel noch einmal und immer wieder zu lesen, zu genießen.

Lesen. Hören. Schreiben. 55: Geschichte-Geschichten

Ich lese das gerne: Die Handlung findet an einem bestimmten Ort, zu einem ungefähr genauen Zeitpunkt statt.
Die Personnage, und hätte sie noch so viele persönliche Konflikte auszutragen, muss  zur historischen/lokalen Situation einen Standpunkt einnehmen.  Aktiv oder in Gesprächen, in Befürchtungen und Hoffnungen. Als Abgesang.
Auch wenn die Protagonisten von sich aus kein Wertesystem verinnerlicht haben, können sie dennoch in Situationen geraten, die eine Folge der erzählten aktuellen Lage sind.

Auf andere Weise erlese, erlebe ich Geschichten-ohne-Anhaltspunkt für Verortung. Ausschließlich die Personen und ihre Beziehungen (ahja, und das Schicksal) müssen die Story tragen, bis sie so vertraut und lebendig werden, dass Leser sich zuhause / zugehörig fühlen – oder, gewollt-nur-als-Beobachter, Richter, Sympathisanten am Rand platziert werden.

Sowieso ist für mich das MitLeben abhängig von Form und Stil, Farben und Klängen.

Die Neugier bleibt…

Lesen. Hören. Schreiben. 54: Umkreisen

Vor fast einem Jahr habe ich ein Buch gekauft. Ein Wunschbuch, ein dickes Buch. (285 Seiten)
Informativ, sorgfältig recherchiert, gefüllt mit Illustrationen, in denen mensch versinken möchte:

„Zugvögel – Reisewege und Überlebensstrategien:
Wo verlaufen die wichtigsten Routen?
Wie überstehen die Tiere sowohl Strapazen als auch Gefahren?
Und wie finden sie ihren Weg?“

Das klingt nach Souveränität und Durchhaltevermögen.
Kluge Tiere. Setzen sich über Wetter und andere Hindernisse hinweg.
Schon fange ich an zu blättern – und bleibe gleich an Worten hängen, Namen, die nur ausgeprägte Persönlichkeiten tragen sollen:

Rotkehl-Hüttensänger – Neuweltpirol – Rubinkehlkolibri – Odinshühnchen – Streifenwaldsänger – Braunkopf-Kuhstärling – Kurzschwanzsturmtaucher!

Was mich davontreibt: Die Bedrohungen, denen Zugvögel ausgesetzt sind: Wetter. Stürme, die sie von ihrer Route verwehen, Vogelfang, Flugzeuge, Windräder, Versiegelung v. Futterstellen…

Ich will das nicht lesen.
Hinter den Bildern von Flug und Flügeln, Luft und Eleganz wartet Tod auf alle, die es nicht geschafft haben.

Tage vergehen, Wochen, Monate.
Ungeduld. Blind schlage ich das Buch auf:
Der Fichtenkreuzschnabel: Futternomade; legt kurze Strecken zurück, um besseres Nahrungsangebot zu finden. Nicht bedroht.
Und dann auch die Kraniche…sind es nicht jedes Frühjahr, in jedem Herbst unzählige, ganze Wolken von Kranichen, zielstrebig und lebendig?
Morgen tauche ich ein, auf Seite 109.
Und reise von einer Verlockung zur anderen,
von Finnland nach Südafrika, von den Shetlandinseln bis zum Golf von Mexiko…