Lesen. Hören. Schreiben. 59 Fremdgehen

Ein halbtoter Punkt im aktuellen Text. Ich wollte sowieso recherchieren, würde dazu aber für zwei bis drei Tage verreisen müssen, was unmöglich ist, also google maps befragen. Bringt nichts. (Die notwendige Atmo aus unbekannten Landschaften kommt nicht aus dem PC) Vielleicht lightningmaps.org? Man kann hineinzoomen bis zum Wäldchen zwischen Dörfern! Bei dieser Gelegenheit gleich mal nachsehen, wo es besonders heftig blitzt: In den Südstaaten, Texas und Umgebung. Erinnerung ploppt auf, an ein Jugendbuch, vor kurzem nochmal gelesen und verschenkt. Dort spielen Jugendliche auf dem Klavier Hard times never come again und sangen dazu. Das höre ich mir gern auf youtube wieder an. Dolores Keane wundervoll. So wild und melancholisch! Bei …around my cabin door … wird mir ganz dings. Komponist genial: Stephen Foster. Wiki sagt: Musikalisches Glückskind, gefördert und auch Autodidakt. Wieder was gelernt. Soll auch in den Text. O-Ton von Protagonistin? Ihrem leider-nein-Lover? Ihr Bruder könnte Folk-Freak sein, das passt schon. Neuer Aspekt, toter Punkt zum Leben erweckt.

Später in den Garten, endlich die früheren Beete einebnen, noch mehr begrünen, aber heute nicht mehr, weil, hier was jäten, dort ernten, und wo es traurig runterhängt, muss Mist drauf. Und Gras zu Heu machen. Das Wetter spielt mit. Paradeiser, Basilikum und Gurken freuen sich. Alles andere will Regen, noch viel mehr Regen. Von mir aus mit Gewitter.
Wie hat die Recherche von vor-einer-Stunde unter die Erde gefunden? Gewitter hat gekeimt, schaut hoffnungsvoll ins Licht. Bald kann ich ‘s pflücken. Glaub, es wird nahrhafter Humus (Tragik in wildem Wald auf mittlerem Hügel) im übernächsten Text.

Und jetzt fällt mir ein, dass ich das unbekannte Hügelland, Objekt meiner leider-nein-Recherche, schon mal durchquert habe.  Vor hundert Jahren, mit Kleinbus und lieben Menschen, aber nix Gegend bewundern, gleich durchzischen nach Rijeka…

 

 

 

Lesen. Hören. Schreiben. 58: Malfragen

Ist ein Text noch ungeschrieben, doch gut durchdacht – existiert er trotzdem schon als geistvoller Nebel in der Atmosphäre?
Kompositionen im Kopf, ohne Notenschrift – sind bereits Musik oder nicht?
Die Ideen von Bildern ohne Material, ohne Form und Farbe, Erfinundgen ohne Durchführung und Prototyp, eine neue philosophische Theorie ohne Streitschrift/Lehrstuhl/Anhängerschaft: Schwirrt das alles über unseren Köpfen herum? Der Himmel, ein KollektivGenie?
Geistesblitze, nichts als Fallout, weil das Gedrängel dort oben zu dicht ist, weil Neues sich neuen Raum schaffen will?
Warum schreibe ich hier immer seltener über Tatsachen?
Warum stelle ich so viele Fragen?
Kann es sein, dass alles zusammen eine Art Unsicherheitsdrive bewirkt, der sich auf Planet und Lebewesen auswirkt?
Wann kommt einer, der alle Fragezeichen wegwischt und sagt: Ich weiß, was richtig ist. Bei mir seid ihr sicher. Vertraut mir…
Wer stellt sich dem Typ in den Weg und sagt: Mal langsam. Lasst uns prüfen, ob er die Wahrheit spricht?

Lesen. Hören. Schreiben. 57: ernst 2

Beim Ausmisten fiel mir einer meiner sehr frühen Texte in die Hände: Sonntagsausflug. Zwischen den Zeilen ein Abheben ins was-wäre-Wenn, mit Zwischenlandungen in einer grauen Normalität. – Keine Lehre, kein tieferer Sinn. Klassischer Nonsense-Text?
Soll ich ihn ausgraben, überarbeiten?
In dieser ernsten Zeit? (Nein)
Nur, so einfach ist es nicht mit dem Nicht-Sinn.

An einem berühmten Beispiel vorgeführt:

ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
ottto: soso

otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft

ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott

(Ernst Jandl; www-Seite: „Gesprochene Deutsche Lyrik)

Fragwürdig: Zuerst Hund vor die Tür jagen, sich nicht weiter kümmern, dann erst Beunruhigung.
Rufen.
Nichts.
Bis Mops an die Tür „klopft“?
Otto lässt das arme Tier ein. Es übergibt sich. Hat draußen wohl was Unbekömmliches gefressen. Und, anstatt Reisbrei mit etwas Salz zu kochen, beklagt Otto sich bei Gott.
Was für ein Mensch / Unmensch ist Otto?
Hält sich Hund statt Frau und versorgt ihn nur unzulänglich und offensichtlich ohne schlechtes Gewissen.
Und: Warum hat der Dichter dem Unsympathler Otto nicht eine Gefährtin „Momo“ zugesellt, die sich voll Empathie um den Mops kümmert?
Vielleicht aber gibt es da eine Frau („Eva“? „Ute“?), die aber auf grund des fehlenden „o“ nicht ins Gedicht gepasst hat –wäre sie tierlieb eingeschritten, um Mops‘ Magenverstimmung zu verhindern?
Hätte sie schon vorher mit einer Portion Durchsetzungskraft die unadäquate Bestrafungsaktion verhindern können?

Versuch einer weiteren Erklärung: Das Drama im privaten Raum, als Reaktion auf eine unübersichtliche, voll Willkür un-gestaltete Welt-dort-draußen?

Ergebnis; Es ist fast unmöglich, ein echtes Nonsense-Gedicht zu verfassen, das kritischem Hinterfragen standhält.

Lesen. Hören. Schreiben. 56: Unnötige und andere Rückblenden

Rückblenden sind retardierene Momente.
Sag ich mal so.
Außer, sie sind fürs Verstehen unentbehrlich oder tragen einen Baustein zum Entstehen von Spannung (zur Aufklärung v. Vergangenem,…) in sich.
Wo ich gnadenlos die Augen verdreh: Beschreibung von Familie, Herkunft, Beruf und besonderen Eigenschaften der Personen, die nichts zum Plot beitragen.

Behauptung: Wo die Vorgeschichte mäßig-wichtig ist, kann sie in Gespräche (Pläne, Reflexion, Erinnerung, Briefe…) eingeflochten werden.

Aktuell:
Muss ich erzählen, dass die Mutter von Person M früher gerne Klavier gespielt hat und grad eben weder Zeit noch Motivation findet? – Nein.
Aber, bei M’s Besuch daheim steht das Klavier herum, immer noch nicht gestimmt. Diese Erwähnung halte ich für bedingt angebracht, weil das Muster der nicht ausgelebten Musikalität hier und dort wieder auftaucht.

Soll dem Lesepublikum die berufliche Vorgeschichte der Person M in einem eigenen Absatz vorgeführt werden? –
Nein. Das Umfeld stellt Fragen und erhält Antworten.

Ist die Rückblende in die Kindheit von M und E angebracht?
– Ja. Die Freundschaft, bisher aus den Gründen a, b und c, war beständig und wird jetzt einer Zerreißprobe unterzogen, die umso verstörender wirkt, je fester das Band früher war.

Fantasie beim Schreiben ist ziemlich wichtig. Der Sprung, den Fantasie unternimmt, um in die Rolle des interessierten oder gelangweilten Lesers zu schlüpfen, ist Gesetz.

Ich als Leserin wage es, mir-unerklärliche Rückblenden zu überspringen. – Wenn aber eine Passage auftaucht, die kostbare Wahrheit birgt oder Stil und Kunst verschmelzen lässt, schaffe ich ‘s, das Juwel noch einmal und immer wieder zu lesen, zu genießen.

Lesen. Hören. Schreiben. 55: Geschichte-Geschichten

Ich lese das gerne: Die Handlung findet an einem bestimmten Ort, zu einem ungefähr genauen Zeitpunkt statt.
Die Personnage, und hätte sie noch so viele persönliche Konflikte auszutragen, muss  zur historischen/lokalen Situation einen Standpunkt einnehmen.  Aktiv oder in Gesprächen, in Befürchtungen und Hoffnungen. Als Abgesang.
Auch wenn die Protagonisten von sich aus kein Wertesystem verinnerlicht haben, können sie dennoch in Situationen geraten, die eine Folge der erzählten aktuellen Lage sind.

Auf andere Weise erlese, erlebe ich Geschichten-ohne-Anhaltspunkt für Verortung. Ausschließlich die Personen und ihre Beziehungen (ahja, und das Schicksal) müssen die Story tragen, bis sie so vertraut und lebendig werden, dass Leser sich zuhause / zugehörig fühlen – oder, gewollt-nur-als-Beobachter, Richter, Sympathisanten am Rand platziert werden.

Sowieso ist für mich das MitLeben abhängig von Form und Stil, Farben und Klängen.

Die Neugier bleibt…