Zurück? Rufen?

Mein seltsames Abenteuer vom 10. März braucht Zeit, um verarbeitet zu werden. Abenteuer nicht als Aventure auf großer Fahrt, sondern eine Begegnung, die mir Zweifel an meiner Wahrnehmungsfähigkeit verpassten. Hinterher wollte ich alles auslöschen…

Der Abend davor:
Unruhe. Von Lela hab ich seit vier Tagen keine Nachricht.
Ich kann es nicht glauben: Ist Klang, der ruft und Antwort erhält, für einen nüchtern denkenden Menschen zu erklären?
Etwas, das in dir, Lela, schon da war, begann zu schwingen…ein Hin und Herklingen entstand, bis du nachts auf den Hügel—

So wie mensch durch eine Stimme, einen Geruch, den Blick auf eine Lichtung im Wald, oder von einem Wesen, das sich für Augenblicke offen und verwundbar zeigt, so berührt, gerufen wird, dass schon ein aufgewecktes AtemAnhalten genügt, den neuen Glanz mitzunehmen?

Ferne Erinnerung:

Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort.

Wahr oder nicht? Schrecklich romantisch überfrachtet?

Das Mondlicht fällt durchs Fenster. Es hält wach. Denken, denken macht so unruhig, es dreht sich im Kreis.
Schlafen…

Morgen früh wird die Sonne aufgehen wie jeden Tag und in Katzenherzen, Kinderbetten und Ziegenställen Resonanz bewirken.

Vor drei Tagen

Internet kurz mal kaputt. Regen ohne Tiefgang, Denken ohne Höhenflug in den immerwährenden Wind hinein und andere atmosphärische Störungen haben die Tage zu Kunst mit Rissen und Löchern erhoben. Und überall im Umkreis lagen Fichtenzapfen auf den Wegen, obwohl hier keine Fichten wachsen. Zu viele waren es, als dass Eichhörnchen sie unterwegs verloren haben könnten. Vielleicht hat das Große Eichhorn das hinter dem Mond wohnt, seinen Kobel ausgemistet, Platz für Neues geschaffen.
Danke, Eichhorn!
Viel Gutes kommt von oben. Sagen wir danke und bitten um mehr: Zapfen, Segen und Regen.
Ein Blick in den Nachthimmel macht uns klein und unbedeutend. Doch mächtig sind unsere Wünsche, sie können Papierflieger und Raumschiffe bewegen. Sie erreichen jeden Ort auf der Erde:
„Ihr fühlt euch gefangen im Jammertal? – Macht eine Ackerfurche daraus, fruchtbar und prächtig und reich!“

Ausgebremst

Heute muss es sein. Ich nehme mir das ganz fest vor. Felsenfest. Konsequent.
Rucksack gepackt, Kleingeld für Bus bereit.
Und los!
Der Stein, unter dem der Haustorschlüssel für Lela und meine Geschwister bereit liegt, ist das erste Hindernis. Ich empfinde garstigen Neid,
weil, Steine geraten nicht in Versuchung, Zwergziegen zu besuchen. Auch andere Tiere nicht. Von allen Phänomenen der Natur sind Steine mit vollendetstem Gleichmut gesegnet.
Trotzdem weiter!
Primeln und Veilchen rechts und links vom Gartenweg. In vielsagender Formation haben sie sich angeordnet: Pfeilfömig zur Haustür zurück.
Ich darf nicht darauf reagieren.
(vor Jahren, an einem trüben Tag im Februar, habe ich das inzwischen berühmte Wort vom Veilchenbeschleuniger erfunden!)
Noch ein paar Schritte. Da, der Strauch am Zaun: Ein Familienclan von Sperlingen flattert drin herum, so positiv, so fröhlich – obwohl das Futterhaus leer!
Schnell zum Schuppen, Körner holen. Und am Fenster beobachten, wie gierig und geschickt sie ein- und ausfliegen.

Ein Tag, an dem ich Wichtiges, das Futterhaus, vergessen habe,
ein Tag, an dem die Meldung: Wieder ein Singvogel vom Aussterben bedroht“ mich überfallen hat,  ist kein guter Tag, um einen neuen Plan durchzuziehen.

Morgen…

 

Durchhänger.

Der Tag hängt trüb in den Bäumen. Kopfschmerz mit Depri. Kaffee macht es um nichts besser. Blöder Kaffee.
Alle Pläne meines Lebens kriechen vorbei. Die Highlights haben ihren Glanz verloren.
Früher war doch mehr Leichtigkeit?
Zwergziegen schenken? – Zum Zerkugeln.
Sinnkrise. Was kann in die Tonne?
Was ist wichtig?
Liebe?

Man tut das nicht. Andererseits…

Mein Zwergziegenplan soll Fahrt aufnehmen.
Zwei sollen es sein, für Coldie und Belinda, die an dieser Begegnung Tag für Tag wachsen sollen. Verantwortung und Zuneigung, daraus entstehen einfühlsame, starke Persönlichkeiten, widerstandsfähig genug, mit sich und der wunderbaren Welt zurechtzukommen. Und mit ihren Schattenseiten.

Ich weiß, man tut das nicht: Über die Köpfe anderern Leute hinweg Tiere schenken.
Natürlich werde ich mit den Eltern der Kinder ein ernsten Gespräch führen. Wir können über fast alles reden, und, ich sehe voraus, dass sie gleich an Werkzeug und Futterkrippe denken werden, an Rezepte für Ziegenkäse und an hohe, hohe Gatter, die jeden Ausbruch verhindern.
Im Gehege müssten würzige Kräuter sprießen. Heu zum Fressen, Blätter zum Knabbern.
Brauchen Zwergziegen Spielzeug?
Wir werden das herausfinden.
Gemeinsam. Nach langer intensiver Nachbarschaft und Verbundenheit über zwanzig Jahre Altersunterschied hinweg. Seit kurzem trennen uns auch hübsche und triste Siedlungshäuser, Lindenallee, Supermarkt, Beserlpark und zwei Straßen mit mäßigem Berufsverkehr.
Macht nichts.
Manchmal kommt ein Anruf, während ich selbst grad zum Handy greife.
Bissl Mystik im Alltag.
Wie nahe, wie fern sind Gedanken, die einander entgegeneilen?

Das Beobachten von Zwergziegen verschiebe ich auf morgen. Mit dem Bus bis an den Rand der Berge, dort verweilen vorm Zaun, und sehen, hören, Video drehn. Und riechen, smile.

Das Handy meldet sich. Fränzi ist dran und lädt mich zu Coldies Geburtstagsfeier ein. (Nicht Party. Party mit seinen Freunden.) In zwei Wochen.
Ich sag danke. „Na sicher komm ich, und was wünscht er sich?“
Pause.
Fränzi zögert und sagt schließlich, dass Coldie eine Überraschung angekündigt hat. Ernst. Es bleibe mir überlassen, ob ich ein Geschenk für Coldie, neun Jahre, aussuchen möchte, oder etwas für diesen kleinen jungen Mann, der eine halbe Stunde lang auf dem Balkon wie festgewachsen schien, zwar in seinen Anorak gehüllt, aber –
und wie er hinter den Horizont zu blicken versuchte, als könne er die Zukunft herauslesen. Oder Ferngespräche führen mit Wesen, die unseren Augen verborgen sind. – „Als er wieder zu uns ins Wohnzimmer kam, summte er eine kleine Melodie vor sich hin, immer wieder, weite Bogen, die auf und ab führten, wie Trost auf kargen Felsen.“
Dazu kann ich nur schweigen.
„Siehst du. Mir geht es genau so“, sagt Fränzi. „Interpretieren, wie denn? Dabei ist er gar nicht soo musikalisch…“

Nichts geht weiter an diesem Abend. Alles zerflattert.
Bis die Dinge ruhen müssen und nur die alte Vinyl sich dreht: Mozarts „Traumbild“ und andere Lieder.