Nur noch 23 Tage,

bis das Schwimmbad meines Vertrauens wieder öffnet.
Noch endlose dreiundzwanzig Tage bis zum Eintauchen in kühles Quellwasser: schwimmen, sich tragen lassen, abtauchen, auftauchen, strampeln, LuftbläschenErzeugen, in denen die Sonne spielt. Schweben, frieren, raus auf die Wiese, ah!
Manchmal vertreibe ich die Ungeduld mit den Erinnerungen an Badegenüsse von früher. Die Vorfreude und das Früher schlagen über mir zusammen und begraben das Heute. Im Geist schon zwischen den Wellen, mit den Augen die Apfelknospen prüfend, mit dem Geschmackssinn von den Birnen kostend, während die Ohren schon einen schlimmen OktoberDauerregen er-hören und ein paar verstreute Überlebensinstinkte vor der Winterkälte zittern.

In welcher Zeit befinde ich mich?
Sie fließt nicht vorbei, ich schwimme in ihr vor und zurück und versäume den Augenblick.
Einwand: Ohne Abschweifen aus der Gegenwart, und sei ssie noch so erfüllt, wäre kreative Arbeit nicht möglich.
Ohne ein Zurück, ohne Erinnern kein Reifen: Mensch, Persönlichkeit wäre leer und öd. Wie ein Schwimmbecken ohne Wasser.

Enten und andere Menschen

Wenn auf der Weide und am Teich meine Warzenenten miteinander kommunizieren: Stimmfühlungslaute („ich bin da. Bist du auch da?“)  – Begrüßung, freundlich. Begrüßung, dominierend. – Herumzicken („Das ist mein Platz. Es war auch gestern mein Platz.“ – „Interessiert mich nicht. Jetzt bin ich hier.“…) Sie verfügen über Lautäußerungen beim Nestbau, andere beim Brüten und sehr spezielle, wenn die Küken geschlüpft sind. Außerdem sind sie fähig, Eier anderer Enten aus deren Nestern zu stehlen und ins eigene zu rollen oder im Schnabel zum Teich zu tragen und drin zu versenken.

Erpel sind liebe Buben, bis sie in die Pubertät kommen. Aber auch dann noch können sie Freunde bleiben. Außer es sind Mädchen dabei.
Wenn die großen Buben aneinander geraten, möchte ich mich daran erinnern, dass sie früher zusammen gebadet, auf der Weide Futter gesucht haben und als Küken in Panik gerieten, wenn sie keinen Blickkontakt zu ihren Müttern hatten.

Männer im Krieg haben als Buben Fußball gespielt, ihre Spielzeugautos hin- und hergerollt, und sind mit blutigen Knien zu Mami gelaufen.

Abend

Alles fertig. Alles ruht.
Gut? – Ja.
Nur ich ruhe nicht.
Aus irgend einem Grund erinnere ich mich an Evensong und Schule und Musikunterricht. Pflegte man im England des 17. Jahrhunderts mehr religiöse Abendrituale als bei uns?
Das Nachdenken über Traditionen hilft nicht beim Einschlafen.
Dem Tag fehlt noch was.
Ich hätte noch viel mehr hineinstopfen können, in diese ~ 17 Stunden, mehr Lektüre, mehr Ordnung im Schuppen, mehr Tee, einen Brief schreiben mit ehrlichen Worten, den Vorgarten startbereit machen und das Gefühl verjagen, es sei nie genug.
Morgen…
Die Lücke zwischen nicht-mehr-hier und noch-nicht-dort, am Rand des Schlafes, ist heute ein seltsamer Ort. Da drängen sich Melodiefetzen, ein Mm-m…und ein leises
…stille Zeit…:
O du stille Zeit?
Es breitet sich aus, es tröstet.
Warum Trost?
Weil die Nacht den Abschied bringt von allem, was der Tag uns lebendig erscheinen ließ? Weil geschlossene Augen die unvollkommenen Augenblicke, die Fehler, die kleinen Verletzungen nicht ungeschehen machen?
In einem anderen Land – Matratze sackte mit mir und einer seltsam klaren Schlaftrunkenheit zurück in Schulzeiten – entdecke ich noch viel mehr Songs und Lieder für den Abend. Für die Nacht. Wenn das Wach-Bewusstsein schwindet, ist mensch verletzlich, gefährdet. Das Bitten um Schutz legt die Verantwortung in höhere Hände.
Gebete, Lieder, Hofhund, Nachtwächter und Alarmanlagen webten / weben einen Zaun ums Haus.
Kann man hoffen.
Wenn dem Tag auch morgen etwas fehlt, singe ich mir ein Gutenachtlied.

Ich habe die Operette entdeckt.

Und schäme mich nicht.
Was tut sich da auf:
Süße Melodien. Große Gefühle. Sehnsucht, Heimweh, HerzWeh. Alles klingt, alles swingt.

Viel zu harmlos?
Zerstreuung, zu leichtgewichtig?
So soll es sein.
Wer kann zu jeder Zeit die ganze Schwere der Existenz tragen, ertragen, die Last der Sorgen um die Nächsten, die Plagen der Welt?
Ich sage: Niemand kann das.
Und: Niemand darf beurteilen, was für eine Art der Zerstreuung angemessen ist und seriös.
Warum ausgerechnet Operette so reinfährt, bei mir, das möchte ich herausfinden. Nach Wien in die Volksoper. DVD sehen, hören. Analysieren: Was wirkt warum? Sind es tatsächlich zweitklassige Sänger, die für Operetten singen? Worin unterscheidet sich das Musical von der Operette? Oder ist es eine von Geschmack und Kompositionskunst bestimmte Änderung in Darbietung und Publikumsgeschmack? Wieviel Ehrgeiz wurde in die Performance gesteckt? Kann man die Künstler googeln und landet man so bei Broadway & Co? (…)
So viel zu denken, so viel Arbeit.
Aus und vorbei ist es mit der Zerstreuung.

Plötzliches Hereinbrechen

Als ich zwölf war, bebte die Erde. Magnitude: 5,5 auf der Richterskala. Der Unterricht hatte eben begonnen, als es auf nie gekannte Weise rumpelte und die Deutsch-Professorin schrie: „Erdbeben! Alle raus!“ Und wir rannten raus, die Professorin als letzte, das weiß ich noch. Im Stiegenhaus stolperte ich, aber eine von uns 500 Schülerinnen stellte mich wieder auf die Beine.
Und dann wochenlang Angst.
Schule. Zuhause. Bei Oma. Das Zittern von außen hatte sich nach innen verlagert – und doch wieder ins Draußen, wo jeder harmlosen Erschütterung das nächste Anrollen von Erdbeben unterstellt wurde. Und, wie funktioniert Rettung, wenn wieder…?

Zeit verging.
Wieder kam im Herbst darauf. Es war Abend. Geschwister und ich schon im Bett. Und da rumpelte es auf schon bekannte und panisch-herbeigefürchtete Weise. Und wie die Fenster klirrten, die Nerven flirrten, und das Licht ging aus, und wir hingen zu dritt an den Eltern, die im katastrophalen Ernstfall auch keinen Schutz geboten hätten. Alles hilflos. Zittern unter den Pyjamas der Nachbarn vorm Haus. War es  ratsam, zurückzukehren? Um Dokumente zu retten? Oder schlafen zu gehen?

Niemand von uns kannte das Wort Trauma.
Auch Angst umschreibt den Zustand des Nachher nicht genau. Eine sorgenvolle Befindlichkeit war es, die dem Alltag einen Sound des möglichen Grauens verlieh:
Jederzeit kann Furchtbares hereinbrechen.

Langsam verflüchtigte es sich und machte Platz für strengen Schulkram und das sich selbst zugestandene, verordnete Laissez-faire der 60-iger, 70-iger.Jahre.

Als das Wort Kalter Krieg tiefer ins Bewusstsein drang und die Blümchen der FlowerPowerÄra durcheinanderwirbelte,
als Vietnam nicht nur ein Fleck auf der Landkarte war,
kam es wieder, nur anders:
Jederzeit kann Weltuntergang hereinbrechen.
Er tat es nicht. Ein Glück.

Von Zeit zu Zeit, wenn alles ringsum zur Ruhe geht,
wenn Stille und Abendvögel,
wenn Kinderlachen, die Gespräche der Gänse auf dem Heimweg und ein lauer Wind überm Dorf liegen, geschieht es, dass die Vorstellung eines schrecklichen Hereinbrechens mir den Atem nimmt.
Dann wage ich immer wieder, immer neu den in ein verklärtes Rosé gehüllten Wunsch:
Von jetzt an werde ich mich vorbereiten auf das Hereinbrechen einer ganz anderen, wunderbar-überirdischen Erscheinung, von mir aus göttlich, aber auf jeden Fall gütig und sanft. Und wohlriechend.

Manchmal fällt nur ein Apfel mit Wurm vom Baum,
oder ein Ball von Nachbars Enkel über den Zaun.
Ist mir recht.
In Erwartung des wahren Großen soll man nicht ungeduldig sein.