Lesen. Hören. Schreiben. 43 Nun zu etwas ganz Anderem

Der frisch abgearbeitete, optimistisch fortgeschickte Text ist zu unpolitisch geraten. Grob ausgedrückt: zu affirmativ.

Im neuen Roman läuft alles anders:

Die politischen Zustände müssen nicht benannt werden. Aber, meine Personnage ist hellhörig / misstrauisch oder gutgläubig / von unabhängigem Geist / zielbewusst und furchtlos / und auf keinen Fall korrupt, und das, was als Schattenspiel von mächtigeren Mächten auf sie fällt, macht nicht Angst, nicht Hoffnungslosigkeit, sondern ist Ursache für neue, unerwartete Stärke –

Hat irgendwann irgendwer behauptet, wir lebten in verkommenen Zeiten? – Die Zeit kann nicht verkommen. Nur , ich schätze mal, einigen Hundert von denen könnte ich absolute Verkommenheit zusprechen. Der unaufgeklärte Rest windet sich unter den Zuständen, erzeugt aus Groll Krebsgeschwüre, flieht oder betrachtet Heckenrosen am Waldrand.
Mein neuer Text sucht seine Irrwege, verwickelt sich in Verstrickungen, findet zerkratzt wieder raus, und immer so weiter, bis die Protagonisten ihm in die Suppe spucken.
Alles wird besser, interessanter und vielviel schöner.
Ein Verprechen, das man kennt…aus der Politik.

Lesen. Hören. Schreiben. 42 Die Große Suche

Wieder ein Buch ausgelesen, und noch nichts Neues bereit fürs Lese-Essen zum Kaffee. Losziehen und Kaufen unmöglich, weil immer noch vergrippt, ein Zustand maximaker Toleranz mit mir selbst: Tagespensum auf ein Minium abgesenkt, ruhen statt machen. Die Entfernungen entfernen sich. Komposthaufen, ohne geeignetes Equipement und Fitnessplan nicht zu bewältigen. Supermarkt liegt auf dem Mond. Buchhandlung noch ein Stück weiter.
Also in den Bücherregalen suchen, was bei zweiter, dritter Lektüre immer noch Genuss verspricht.
Es sind Bücherkisten, neben- und übereinander gestapelt. Leicht auszuräumen und neu zu sortieren. Spinnen und ihre Netze haben nicht viel Zeit, es sich zwischen zwei Ordnungsangriffen häuslich einzurichten.
Jetzt aber die Suche: Hildegard-von-Bingen-Kochbuch lasse ich links liegen. Um zu doch-wieder-Thomas Mann zu gelangen, muss ich Shakespeare umlagern – keine rauschenden Verse mit zu viel gehaltvoller Komplexität, bitte, und, nein, Königliche Hoheit kenne ich zu gut, die Erzählungen klappen sich bestimmt bei Mario und der Zauberer auf: das düsterste Oevre v. Th. M., bitte nicht mit mir. – Weiter, die weißen Nächte mit Cover zum Eintauchen bringen auch gleich die Erinnerung an das seltsam-indifferent-frohe unhappy end mit sich, und Tschechov bewahre ich mir für Lesestunden ohne Kafeejausn. – Vielleicht sollte ich Kaffee und Mehlspeis genießen, ohne durchs Lesen abgelenkt zu sein? Wertschätzung und Dank für alle, die mitgholfen haben, von Kaffeeplfückerinnen bis zur Supermarktangestellten? Nicht jetzt. Jetzt Lese-Essen. Mit Buch. Aus der der Musikabteilung? Mozart-Briefe zu chaotisch? Doch da, ein fast nie konsumierter Schatz, bereitgelegt für willhaben. Gierig greife ich danach:
Im Palast der Gefühle, Erfahrungen und Enthüllungen eines Wiener Operndirektors, v. Claus Helmut Drese. – Warum? Weil das Spinnen von Intrigen, die nicht mich meinen, eine vergnügliche Art von Spannung erzeugt? Genau richtig für Leute, die Krimis als Häufung von Negativismen bezeichnen? Weil das Buch eine Zeit aufleuchten lässt, die in ihrer öffentlichen Wertschätzung für Oper vor Kultur-und Finanzierungskämpfen nicht zurückschreckte? Und ja, damals habe ich tatsächlich den Wiener Taxifahrer mit Kenntnis der Opernszene erlebt, es war die kürzeste Reise zum Südbahnnof, der Zug pünktlich, die provinzielle Provinz fern. Gestern, heute, immer.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lesen. Hören. Schreiben 41 Kluge

Oft gehörter Rat @ Menschen, die schreiben wollen:
„Erzählen Sie einfach eine Geschichte.“
Noch ein Rat: „Erzählen Sie vom Leben.“
Immer, wenn ich Geschichten des Autors, Gelehrten und Filmemachers Alexander Kluge lese, fühle ich mich hinterher klüger. Zum Weiterdenken verführt. Aufgeklärt über einige der unübersehbar vielen Details zum  Thema Leben, obwohl er selbst savon sagt: „Die Geschichten sind teils erfunden, teils nicht erfunden.“
Kann man es – auch – so ausdrücken?:
Kluge schreibt nah am Leben?
Ich als Leserin muss nur einen kleinen Schritt tun, um mittendrin zu landen in seinen Geschichten, Reportagen, seinen Verknüpfungen von Details, die zu unerwarteten Ergebnissen führen. Aus seinen Zeilen rufen Anteilnahme und Neugier. Kombinationsgabe und Kreativität stellen sich in den Dienst von Wissen.

Und? Konsequenzen für das, was ich schreiben möchte?
Ja: Weil nah am Leben eine der Voraussetzungen ist, Interesse zu finden.
Nein: Weil ich meinen Plots folge. Glaub, sie gehören weder in die Abteilung Fiction noch zu den realitätsgebundenen Berichten. Wenn eine meiner Personen aus Laune und Notwendigkeit den Boden der Wirklichkeit verlässt, verhält sie sich ausschließlich an ihre eigene Persönlichkeit gebunden und fragt nicht nach Naturgesetzen. Das möchte ich respektieren. Die Form, die alles gestaltet und umschließt, müsste unendlich wandelbar sein. Dann gut.

Lesen. Hören. Schreiben. 40 Ende vom Endspurt?

Der Roman ist fertig,
PaminFinden auf dem Weg zu Verlagen. Ich wollte nicht betteln. Mit aufrechtem Gang was Schönes, Gutes anbieten. Einem Begleitbrief sieht man das Aufrechte nicht an, vielleicht? Oke, fort damit. Es ist vollbracht, und jetzt zu etwas ganz anderem:

Die Zweige von Obstbaumästen zerkleinern. Futter und Einstreu lagern. Wind um die Nase. Am stillen Herd heizen und Musik hören. Vinyls oder youtube und uncoole Oldies. Tee, Kaffee, Süßes.
Das Leben ist schön…
…bis sich eine kleine Unruhe aus der Verbannung nähert: Irgendwo hinter Hügeln, im Gras, dampfend über Kaffeetassen, lauert, lockt ein neuer Plot, macht sich wichtig und fragt, wie es sein kann, dass eine Bach-Kantate wichtiger ist als er. Immerhin hat er ein Thema im Gepäck, das ich schon längst—
Freu mich ja.
Nur nicht jetzt gleich.
Doch es lockt.
Skizze oke. Menschen, Tiere, Pflanzen und das, was zwischen ihnen auszutragen ist, herumschieben, anders anordnen, harten Kern, ehrliche Aussagen, toten Punkt definierten, immer wie nebenbei. Dann Pause. Dann neue, vorsichtige Annäherung.
Diese Skizze von letzter Woche: völlig wirr.
Das heißt, alles von vorn, immer wieder neu, mit Freude. Ein weißes Blatt /eine neue Datei hat Raum für ein ganzes Universum. Alles ist möglich. Und ich bin dabei.

Gestern, beim Ausdrucken v. frisch-fertigen Text, fiel mir eine Passage auf, die nicht ganz klar, bissl umständlich und deplatziert wirkte. Man müsste gewissenhaft nochmal ran –
Ich müsste unwillig nochmal ran…

Lesen. Schreiben. Hören. 39 Endspurt IV

Endspurt dauert. Er mutiert zum Marathon.
Die bisher letzte Überarbeitung lief („lief“!) bis Seite zweihundertnochwas ziemlich locker/mühsam /total konzentriert , also normal.
Dann bemerkte ich, dass word die Änderungen nicht gespeichert hatte.
Frust. Schluss.
Ende, sonst endloser Frust.

Niemand wird diese Arbeit von mir einfordern.
Die Welt hat nicht darauf gewartet.
Wer hat ausreichend Reserven, Bücher zu kaufen, zu lesen?
Wen will ich damit erreichen? Bildungsferne Mitmenschen?
(Sie werden zahlreicher. Und mächtiger. Sie sind in der Lage, Projekte im Keim zu ersticken.)
An Verlagstüren klopfen und leise fragen: Wer will mich?
Bin dagegen. Man soll mich willkommen heißen! Mit freundlichem Kaffee und golden Handshake, dieser diene gefälligst der Begrüßung.

Ein ungedrucktes Buch, vielseitig, nur ohne Seiten aus Papier, ein fertig gedachtes Oevre, würde in der Welt sein. Als mein Atem und nicht-materieller Puls. Als Möglichkeit, sich in einer blühenden Zukunft selbst zu verwirklichen.

Pause, danke, sehr angenehm.
Pause. Ohne Ruhe.
Pläne voll Zuversicht streiten mit ihren verhärmten Brüdern.
Vielleicht… sollte ich dem Projekt eine Chance geben?
Noch eine einzige Überarbeitung.
„Word-spinnt und hat nichts gespeichert?“ –
„Na und“, frage ich zurück, „hat mir die Verzögerung nicht den Schubs verpasst, alles besser zu machen?“
Morgen fange ich an. Mit dem Ende vom Endspurt.