Lesen. Hören. Schreiben. 57: ernst 2
Beim Ausmisten fiel mir einer meiner sehr frühen Texte in die Hände: Sonntagsausflug. Zwischen den Zeilen ein Abheben ins was-wäre-Wenn, mit Zwischenlandungen in einer grauen Normalität. – Keine Lehre, kein tieferer Sinn. Klassischer Nonsense-Text?
Soll ich ihn ausgraben, überarbeiten?
In dieser ernsten Zeit? (Nein)
Nur, so einfach ist es nicht mit dem Nicht-Sinn.
An einem berühmten Beispiel vorgeführt:
ottos mops trotzt
otto: fort mops fort
ottos mops hopst fort
ottto: soso
otto holt koks
otto holt obst
otto horcht
otto: mops mops
otto hofft
ottos mops klopft
otto: komm mops komm
ottos mops kommt
ottos mops kotzt
otto: ogottogott
(Ernst Jandl; www-Seite: „Gesprochene Deutsche Lyrik)
Fragwürdig: Zuerst Hund vor die Tür jagen, sich nicht weiter kümmern, dann erst Beunruhigung.
Rufen.
Nichts.
Bis Mops an die Tür „klopft“?
Otto lässt das arme Tier ein. Es übergibt sich. Hat draußen wohl was Unbekömmliches gefressen. Und, anstatt Reisbrei mit etwas Salz zu kochen, beklagt Otto sich bei Gott.
Was für ein Mensch / Unmensch ist Otto?
Hält sich Hund statt Frau und versorgt ihn nur unzulänglich und offensichtlich ohne schlechtes Gewissen.
Und: Warum hat der Dichter dem Unsympathler Otto nicht eine Gefährtin „Momo“ zugesellt, die sich voll Empathie um den Mops kümmert?
Vielleicht aber gibt es da eine Frau („Eva“? „Ute“?), die aber auf grund des fehlenden „o“ nicht ins Gedicht gepasst hat –wäre sie tierlieb eingeschritten, um Mops‘ Magenverstimmung zu verhindern?
Hätte sie schon vorher mit einer Portion Durchstzungskraft die unadäquate Betrafungsaktion verhindern können?
Versuch einer weiteren Erklärung: Das Drama im privaten Raum, als Reaktion auf eine unübersichtliche, voll Willkür un-gestaltete Welt-dort-draußen?
Ergebnis; Es ist fast unmöglich, ein echtes Nonsense-Gedicht zu verfassen, das kritischem Hinterfragen standhält.