Lesen. Hören. Schreiben. 54: Umkreisen
Vor fast einem Jahr habe ich ein Buch gekauft. Ein Wunschbuch, ein dickes Buch. (285 Seiten)
Informativ, sorgfältig recherchiert, gefüllt mit Illustrationen, in denen mensch versinken möchte:
„Zugvögel – Reisewege und Überlebensstrategien:
Wo verlaufen die wichtigsten Routen?
Wie überstehen die Tiere sowohl Strapazen als auch Gefahren?
Und wie finden sie ihren Weg?“
Das klingt nach Souveränität und Durchhaltevermögen.
Kluge Tiere. Setzen sich über Wetter und andere Hindernisse hinweg.
Schon fange ich an zu blättern – und bleibe gleich an Worten hängen, Namen, die nur ausgeprägte Persönlichkeiten tragen sollen:
Rotkehl-Hüttensänger – Neuweltpirol – Rubinkehlkolibri – Odinshühnchen – Streifenwaldsänger – Braunkopf-Kuhstärling – Kurzschwanzsturmtaucher!
Was mich davontreibt: Die Bedrohungen, denen Zugvögel ausgesetzt sind: Wetter. Stürme, die sie von ihrer Route verwehen, Vogelfang, Flugzeuge, Windräder, Versiegelung v. Futterstellen…
Ich will das nicht lesen.
Hinter den Bildern von Flug und Flügeln, Luft und Eleganz wartet Tod auf alle, die es nicht geschafft haben.
Tage vergehen, Wochen, Monate.
Ungeduld. Blind schlage ich das Buch auf:
Der Fichtenkreuzschnabel: Futternomade; legt kurze Strecken zurück, um besseres Nahrungsangebot zu finden. Nicht bedroht.
Und dann auch die Kraniche…sind es nicht jedes Frühjahr, in jedem Herbst unzählige, ganze Wolken von Kranichen, zielstrebig und lebendig?
Morgen tauche ich ein, auf Seite 109.
Und reise von einer Verlockung zur anderen,
von Finnland nach Südafrika, von den Shetlandinseln bis zum Golf von Mexiko…