Lesen. Hören. Schreiben. 53: Karges Land

Vielleicht hätte ich es statistisch erfassen müssen. Habe ich aber nicht. ES, das ist die Zahl der Leseproben einer nicht genau abzugrenzenden literarischen Gattung, die ich jetzt mal karges Land  nenne. Arme Menscher  wäre auch eine Möglichkeit, aber weil in Ö damit nicht Menschen, sondern unbeholfene, ungebildete, unbeliebte Mädchen gemeint sind, würden Männer mit diesen Eigenschaften ausgegrenzt, und das darf nicht sein.
Leseproben-Lesen, das ist seit ein paar Monaten meine literarische Droge, die nicht abhängig macht. So ähnlich wie Unmengen Kuchen in allen Variationen, der nicht zu Übergewicht führt. Es geht ums Kosten, nicht Auskosten. Um Neugier, doch sicher nicht um Gier. Vor allem geht es um die Verlockung, ab und zu das ganze Buch mit seinen 150 – 300 Seiten zu erwerben und zu genießen. Dann große Freude, wenn auch das haptische Vergnügen sich dazugesellt, zu Kaffee, Mehlspeis und einem neuen Buch aus Pappe und Papier.
Die Statistik, die nichtexistierende, sagt mir, dass es die Menscher und Knechte sind, deren Spuren von Lebensläufen ich folgen möchte, aber warum, ich weiß es noch immer nicht, ich lese und lebe zwischen Altbauern und geldgierigen Gutsbesitzern, verhärmten Eheweibern und unkeuschen Pfarrern und begleite müde Wanderarbeiter und arme, ledige Mütter auf ihren steinigen Wegen ohne Hotel in Sicht. Maximal Heuschober. Und alles weit draußen auf dem Land, oder hoch oben unter der Waldgrenze. Zwischen den Seiten weht frischer Wind vom Berg ins Zimmer, das macht den Kopf klar, der denkt: Wie haben diese Leut überlebt, weil, kein Krankenhaus in der Nähe, und eine Unfallambulanz sowieso nicht, und von staatlicher Altersversorgung konnten sie nur träumen, wenn sie überhaupt geträumt haben, nach dem Tagwerk im Stall, draußen im Holz oder in Waschküchen, oder verletzt neben einem umgekippten Fuhrwerk. (Traktor wär noch schlimmer).
Wenn es dann nicht mehr weiterging mit der Leseprobe, wenn der Cliffhanger mir eine tragische Fortsetzungsvision beschert hat, wende ich mich ab vom PC und atme tief durch. Abgestandene Luft, heimwehgetränkt. Heim zu weitgehend naturbelassener Natur wünscht sich die Leserin, weh, klagt sie nach Nachrichten über Dreck im Meer, zu  Land und überall.
Kein versöhnlicher Satz zum Schluss.